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THE JAGUAR #06

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Oft provokativ, doch immer kreativ: Treffen Sie den Grafikdesigner Stefan Sagmeister | Britische Holzhandwerker verleihen einer uralten Fertigkeit eine neue Dimension | Probieren Sie Paul Pairets sternengekrönte Gourmet-Köstlichkeiten in Shanghai | Erfahren Sie, wie Iris van Herpen die Mode-Technologie neu definiert | Zeitreise in die futuristische Stadt Seoul

MODE Iris van Herpens

MODE Iris van Herpens Interesse für Mode fing auf dem Dachboden ihrer Großmutter an – ein kleines Mädchen, das mit großen Augen durch die umfangreiche Kleiderkollektion einer Matriarchin lief. Ein Stück stach besonders hervor. „Es war aus Spitze und Samt, handgefertigt, aus den Jahren um 1700. Ich werde es nie vergessen“, sagt die niederländische Designerin. „Ihr Dachboden war mein Traumort, wo ich Kleider aus verschiedenen Epochen und Silhouetten erkundete.“ Es ist ironisch, dass der kreative Ursprung von van Herpen in der Modegeschichte liegt, wenn man bedenkt, dass sie weithin als führende Modefuturistin gefeiert wird. Als Pionierin im schneidermäßigen 3D-Druck ist sie für ihre Couture-Stücke aus einer anderen Welt bekannt. „Die Sammlung meiner Großmutter hat mir geholfen, den großen Einfluss der Zeit darauf zu erkennen, wer wir sind und wie wir uns ausdrücken“, sagt sie. Das Konzept der Zeit steht im Mittelpunkt von van Herpens Arbeit, bei der alte Techniken wie Handnähen und Sticken mit modernster Technik verbunden werden. „Durch das Erlernen traditioneller Handwerkstechniken habe ich eine Liebe zur Innovation entwickelt“, sagt sie. „Diese Bereiche balancieren sich gegenseitig aus. Ich könnte die Kleidungsstücke, die ich jetzt schaffe, ohne die handwerkliche Seite nicht umsetzen. Gleichzeitig ist es wichtig, neue Umsetzungen zu kennen. Mir erscheint es natürlich, beides zu kombinieren.“ Diese Philosophie lässt sich in Arbeit umsetzen, die das Konzept der Couture voranbringt. 2012 wurde van Herpen als eine der Jüngsten in der Designerwelt in die Chambre Syndicale de Haute Couture aufgenommen. Es überrascht nicht, dass ihre Fangemeinde aus geistesverwandten Frauen wie Björk, Lady Gaga, Solange Knowles, Tilda Swinton und Daphne Guinness besteht. Ein Van-Herpen-Kleid ist nicht nur eine dekorative Form der persönlichen Darstellung. Es ist ein Kunstwerk in fließendem, handgefertigtem Seidenplissé, wie in ihren voluminösen, frei schwebenden Kleidern für das Frühjahr 2019, oder in handbemaltem, handgegossenem, transparentem Polyurethan, wie in ihren cocktailkleidlangen, einem Exoskelett ähnelnden Kleidern für das Frühjahr 2017. Alle technischen Leistungen haben eine unverwechselbare, menschliche Note. Sie erklärt ihr Ethos des Selbstnähens: „Meine Mutter hat in meiner Jugend Kleidung gemacht. Ich selbst habe mit 14 Jahren damit angefangen. An der Kunstakademie habe ich gelernt, noch mehr von Hand zu tun und habe die Nähmaschine kaum benutzt. Mich interessierte das Handwerk, aber ich wollte lernen, neue Dinge auf andere Art und Weise zu tun.“ Also begann sie, mit dem 3D-Druck zu experimentieren, um ihre Komfortzone zu verlassen. Sie brauchte sieben Monate, um ihr erstes Stück zu kreieren. „Der Computerbildschirm sieht zweidimensional aus. Ich war daran gewöhnt, ein Modell mit „IN MEINEM PROZESS GEHT ES IMMER UM BEWEGUNG, TRANSFORMATION UND VERÄNDERUNG“ meinen Händen zu drapieren, es fühlte sich seltsam an“, erinnert sie sich. „Aber nachdem ich die unglaublich vielen Details gesehen hatte, war mir klar, dass ich Strukturen schaffen könnte, die ich niemals von Hand herstellen könnte.“ Einer der Gründe dafür, dass van Herpen als fortschrittlich gefeiert wird, liegt darin, dass anhand des 3D-Drucks eine nachhaltigere Arbeitsweise in einer Branche angestrebt werden kann, die für ihre enorme Umweltbelastung berüchtigt ist. Der 3D-Druck reduziert den Abfall, indem ein einzelnes Kleidungsstück geschaffen wird und dabei nur das exakt benötigte Material verwendet wird. Diese Arbeitsweise unterscheidet sich völlig von der herkömmlichen Bekleidungsherstellung, bei der der Stoff meterweise ausgerollt, dann zugeschnitten und genäht wird und schließlich die Reste weggeworfen werden. Beim 3D-Druck wird auch biologisch abbaubarer Kunststoff verwendet, während der Baumwollanbau Wasser in nicht nachhaltiger Menge verbraucht. „Das Bewusstsein dafür, wie wir anfangen, Abfall zu reduzieren, wächst. Mit dem 3D-Druck kann Mode nachhaltiger gemacht werden. Letztlich geht es jedoch um eine große Branche, die sich verändern muss“, sagt sie. Van Herpen zufolge entwickeln sich radikale Veränderungen eher von Grund auf und beruhen nicht auf Konglomeraten. „Die jüngeren Labels sind flexibler“, sagt sie. „Ich hoffe, dass die kleineren Stimmen ein größerer Teil der Branche werden. Die letzten 50 Jahre waren eine Welle in Richtung Globalisierung und immer größerer Gruppen. Für eine Vielfalt an Visionen ist es wichtig, Raum für neue Wege des Betrachtens und Kreierens von Mode zu schaffen. Das bedeutet mehr Designer-Labels, die unabhängig sind und überleben können.“ Was ihre eigene Zukunft angeht, ist van Herpen am meisten von den Möglichkeiten begeistert, die neue Drucktechniken bieten: die Manipulation der Zeit. Sie richtet ihren Blick auf den 4D-Druck, eine Technik, die derzeit u. a. an der Harvard University und am MIT entwickelt wird. Damit ist ein neuartiger, individueller Zuschnitt eines komplexen Kleidungsstücks auf die spezifischen Maße des Körpers des Trägers möglich. Aussehen und Form des Kleides können sich unter bestimmten Umständen ändern. „Der 4D-Druck ist der nächste Schritt, Sie entwerfen nicht nur Ihre Struktur, sondern auch, wie sie ihre Form im Lauf der Zeit verwandelt. Er eröffnet eine neue Welt, in der ich Farbe und Muster entwerfen kann, aber auch, was diese mit der Zeit tun und was diese Veränderung auslöst, ob es Hitze oder Wasser oder etwas anderes ist“, sagt van Herpen. „Darauf bin ich ziemlich fixiert, denn in meinem Prozess geht es immer um Transformation, Bewegung und Veränderung.“ Das kleine Mädchen, das von der jahrhundertealten Samtjacke ihrer Großmutter gebannt war, würde sicherlich zustimmen. FOTOGRAFIE: VORHERIGE SEITE: ART+COMMERCE/S-LVE SUNDSB, DIESE SEITE: PORTRAIT VON JEAN-BAPTISTE MONDINO 58 THE JAGUAR

Iris van Herpen (oben) ist eine Pionierin im schneidermäßigen 3D-Druck. Ihre Kreationen aus einer anderen Welt, mit denen sie zahlreiche berühmte Fans gewonnen hat, überwinden die Grenzen der Couture

 

JAGUAR MAGAZINE

 

Das Jaguar Magazin feiert die Kreativität in all seinen Facetten mit exklusiven Beiträgen für mehr Inspiration – von traumhaften Designs bis hin zu modernster Technologie.

In dieser Ausgabe werfen wir einen Blick auf die Kunst der Kreativität, von den brasilianischen Meistern, die die anmutige Kampfkunst Capoeira erfanden, bis hin zu den irischen Künstlern, die neue und alte Kultur miteinander verbinden. Wir ergründen auch die kreative Verbindung zwischen viktorianischen Tapetenmustern und dem iPhone. Zudem erklärt der talentierte Schauspieler und Performer Riz Ahmed, warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist, der Welt seine wahre Persönlichkeit zu offenbaren.

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